Das zentrale Risiko jeder Geldanlage, die Bonität des haftenden Unternehmens, wurde offensichtlich von den Anlageberatern der Banken im Falle der Vermittlung der immer beliebter werden Zertifikate komplett ausgeblendet: das sogenannte Emittentenriskio. Die Anlageberater haben vor lauter Eifer, die Vorzüge des Zertifikates richtig zu erklären (wenn sie es dann selbst verstanden haben), schlichtweg vergessen, dass Zertifikate rechtlich letztendlich nicht anders als Inhaberschuldverschreibungen zu behandeln sind. Anders als ein “normales” Sparguthaben unterliegen sie keiner Einlagensicherung. Ihnen wohnt das Risiko des Emittenten inne. Es wurde schlichtweg vergessen, dass das gesamte Geschäft steht und fällt mit der Bonität des Herausgebers des Zertifikates. Wenn der nicht mehr zahlungsfähig ist, hilft auch das raffinierteste Zertifikat nicht mehr. So können die Investoren in Zertifikate von Lehman Broth. Inc. allenfalls noch auf eine kleine Quote hoffen, die irgendwann einmal bei Lehman zur Verteilung kommen könnte.

Größere Durchschlagskraft können aber Schadensersatzansprüche gegen die vermittelnde Bank haben: Im Verhältnis zum Vermittler ist in diesen Fällen juristisch zu prüfen, zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Risikohinweisen die Papiere verkauft wurden. Denn Schadensersatzansprüche gegen die Bank (gegen Abtretung der gegen Lehman bestehenden Restansprüche) kommen in Betracht.

Interessant ist hier der Zeitpunkt des Erwerbs oder eines weiteren Depotgesprächs im Verhältnis Bank-Kunde im Falle von Lehman besonders deshalb, weil die Hinweise auf Schwierigkeiten von Lehman schon seit geraumer Zeit der Presse zu entnehmen waren. Es ist ein klarer Beratungsfehler, einen Anleger nicht über diese Entwicklungen im Sinne eines Riskohinweises informiert zu haben.
Und zu den auf das jeweilige Investment bezogenen Riskohinweisen ist die Bank nach den von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätzen der Anlageberatung immer verpflichtet: Nach ständiger Rechtsprechung muss sowohl bei der Vermittlung, als auch bei der Beratung ein zutreffendes Bild vermittelt werden und über Umstände, die von wesentlicher Bedeutung sind oder sein können verständlich und vollständig aufgeklärt werden. Dies gilt insbesondere für die mit der Beteiligungsform verbundenen Nachteile und Risiken. Der Berater ist zu einer sachkundigen Beratung verpflichtet. Der Interessent muss über alle Umstände, die für seine Entscheidung von wesentlicher Bedeutung sind, insbesondere über die mit der angebotenen speziellen Beteiligungsform verbundenen Nachteile und Risiken zutreffend, verständlich und vollständig aufgeklärt werden.

Die Spannweite der von Banken verkauften Zertifikate reicht im übrigen von simplen Instrumenten wie Indexzertifikaten bis zu Instrumenten, welche die Anlageberater selbst kaum verstanden, geschweige denn ihre Kunden. Dieses Verständnis aber mussten die Anlageberater sicherstellen, denn sie schuldeten eine angemessene Aufklärung über die Risiken. Dabei konnten die schriftlichen Erläuterungen des Zertifikates in vielen Fällen nur mit einer mathematischen Vorbildung erfasst werden, was eigentlich mit einem Anlageinstrument für das Privatkundengeschäft – und um ein solches handelt es sich in diesen Fällen – unvereinbar ist.

Weitere „Wetten“ – so muss man diese Zertifikate nennen – betrafen Kreditrisken u.a. mit dem Risiko Lehman Brothers, wobei im Fall der Colibri Anleihen der Commerzbank und der Cobold Anleihen der DZ Bank der Wertverfall derzeit für die Anleger dramatische Dimensionen annimmt und zu einer massiven Kapitalvernichtung führt. Wir sind jetzt schon gespannt, wie die Banken eine angemessene Risikoaufklärung in den uns über unsere Anleger bekannten Fällen begründen wollen.
Rechtsanwalt Hans G. Keitel wird seine Erfahrungen mit derivativen Finanzierungsinstrumenten als ehemaliger „Investmentbanker“ aus dem Bankenbereich zum Nutzen seiner Kunden in der anwaltlichen Beratung zu diesen Haftungsfällen zur Anwendung bringen.

Keitel & Keitel, Decksteiner Straße 78, 50935 Köln, Telefon: 0221-430 88 30, E-Mail: info@keitel-anwaelte.de
Stand 30.09.2008

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